Beyond Project Management

Ein Beitrag zur Blog-Parade von Marcus Raitner.

Als ich von Roland Dürre zum PM-Camp eingeladen wurde, begann mein Gehirn zu rattern, arbeite ich doch nicht täglich im Projektmanagement (zumindest nicht beruflich). Ich arbeite aber dafür mit vielen erfolgreichen Menschen (Managern, Selbstständigen, Führungskräften, etc.), die auf die eine oder andere Art vom System "gecrasht" wurden oft trotz bester Ausbildungen oder trotz einer makellosen Vita. Ich arbeite als Psychotherapeutin mit vielen Burnout Patienten zusammen, von denen man nicht unbedingt behaupten kann, dass sie selbst schuld an ihrem Schicksal waren. Zum Thema Beyond Project Management kann ich das Pferd sozusagen von hinten aufzäumen: aufgrund des Wissens, was begabte Menschen im System scheitern lässt, versuche ich einzuschätzen, welche Bedingungen wohl Menschen in allen Arten von Projekten gesund, zufrieden und damit mit hoher Wahrscheinlichkeit auch motiviert und erfolgreich sein lassen.

Möchte man das Wesen der Projekte oder des Projektmanagements verbessern, sollte der Fokus in meiner Sichtweise auf den Menschen liegen, die daran beteiligt sind. Ich stelle mir folgende Fragen:

- Welche persönlichen Eigenschaften schützen vor Überforderungserleben und Burnout?

- Wie können Menschen gute Entscheidungen treffen?

- Welche Rolle spielt die gesamte Lebenskonstellation eines Menschen für das Projekt?

- Was motiviert Menschen für Projekte?

- Ist eine gelungene work-life balance eine Voraussetzung für gute Arbeit oder nur Luxus?

Diesen und anderen Fragen möchte ich mich annähern, natürlich besonders gern in der persönlichen Diskussion in Dornbirn, denn was weiss ich schon als einzelner Mensch. Es braucht doch viele gute Experten mit unterschiedlichen Sichtweisen, um das Puzzle zusammen zu legen für eine neue Vision von Projekt Management.

So, nun versuche ich mich mal weiter zu strukturieren und daher hangel ich mich etwas an den Fragen von Marcus entlang:

  • Wie sieht das Projektmanagement von morgen aus?

Wie es morgen aussieht, das weiss ich natürlich nicht. Ich kann mir aber Idealvorstellungen ausmalen. In verschiedenen Blogs wurde kritisiert, dass PM heutzutage hauptsächlich aus einer Vielfalt von Methoden besteht. Ich denke, dass auch in Zukunft Projektmanager und -mitarbeiter weiterhin Methoden lernen, um Projekte zu erfassen, in logische Teilziele zu zerlegen, schlaue Finanzpläne auszutüfteln, etc. Eine gute Auswahl an Methoden erweitert den Handlungsspielraum und ist wichtig. Das entscheidende ist aber, dass sie nicht stur und normiert einfach auf alle Situationen angewendet werden, sondern dass der Mensch am Steuer eines Projektes klug entscheidet, wann welche Methode Sinn macht.

* Ein kleiner Exkurs: Es gibt Studien zum Wirksamkeitsnachweis von Psychotherapie. Allesamt kommen zu dem Ergebnis, dass es in erster Linie nicht die Methode ist, die den Therapieerfolg ausmacht, sondern die Beziehungsqualität. Und damit die "Chemie stimmt", das ist nicht nur Zufall (wie die meisten Patienten meinen), sondern da beginnt schon  in der ersten Sekunde des Zusammentreffens die Arbeit des Therapeuten.*

Meiner Meinung nach, hängt erfolgreiches Projektmanagement (wie alles andere im Leben auch) im wesentlichen von den Menschen ab, die daran beteiligt sind. Alle Beteiligten müssen motiviert und gesund sein, sich flexibel an veränderte Rahmenbedingungen anpassen können, hohes Know-how haben und auch unter widrigsten Bedingungen gute Entscheidungen treffen können. Ich denke ein Koffer voller Methoden ist für einen Projekt Manager wichtig, aber noch wichtiger sind seine Fähigkeiten, mit anderen Menschen und Situationen umzugehen.

Projektmanagement von morgen besteht aus klugen Entscheidungen sowohl hinsichtlich der Sache an sich, aber auch hinsichtlich der Menschen, die daran beteiligt sind. Und kluge Entscheidungen fällt man nicht allein mit seiner ratio...

Wie kann man dahin kommen? Das kann ich hier nur anreißen. Ich denke, zur methodischen Aus- und Weiterbildung muss eine gute persönliche Schulung dazu kommen. Projektmanager müssen die Kunst der Diplomatie lernen, Akzeptanz von Unabänderlichem, Reaktionsfähigkeit unter Stress, das Treffen kluger Entscheidungen, etc. Reibungen durch eigene Persönlichkeitsstörungen (Narzissmus ist in Führungspositionen oft ein weit verbreitetes Phänomen, was bis zu einem gewissen Grad ja ganz förderlich ist, aber irgendwann kontraproduktiv wird) sollten vermieden werden, da der Chef in der Lage sein sollte, immer das Beste für das Projekt zu tun. Dazu gehört auch die Pflege der Mitarbeiter und einen cleveren Einsatz je nach deren Fähigkeiten. Jetzt habe ich mehr beschrieben wie der Projektmanager von morgen aussieht anstatt das Projektmanagement zu fokussieren. Für das Management ergibt sich für mich daraus die Implikation, dass durch die gute Eigenreflexion des Managers, dieser in der Lage sein kann, seine Leute mit deren gebündeltem Wissen gut einzusetzen. Der Chef sollte meiner Meinung nach immer der Chef sein, weil Klarheit in der Hierarchie immer Sicherheit gibt und damit Raum lässt, alle Fähigkeiten zu entfalten. Aus meinen Führungstrainings am Pferd weiß ich aber auch, dass ein Chef nicht unbedingt grob oder unpersönlich sein muss. Wünschenswert wäre darüber hinaus commitment und zwar ein langfristiges. Dies sowohl von Seiten der Führungsebene (ein Projekt nicht nur als Karrieresprungbrett hernehmen, das verhindert Nachhaltigkeit, so nach dem Motto: Ist mir doch egal, was danach passiert) und der Mitarbeiter.

  • Welches Vor- und Umfeld brauchen erfolgreiche Projekte?

Ich glaube, dass erfolgreiche Projekte ein harmonisches Umfeld benötigen. Damit meine ich, dass die daran beteiligten Menschen zufrieden sein sollten, dies gilt für die Kunden genauso wie für die Projektleiter und -mitarbeiter. Optimal wäre eine Zufriedenheit, die nicht nur die berufliche Situation betrifft, sondern die gesamte, denn der Mitarbeiter steckt ja in seinem System drin, das kann ich nicht außer acht lassen. Das System besteht in der Regel aus verschiedensten Rollen (z.B. Chef, Ehemann, Vater, Tennisfreund, etc.), die alle unterschiedliches fordern, manchmal sogar gegenteiliges. Kommt eines der Teilsysteme aus dem Gleichgewicht, kann das tiefgreifende Konsequenzen auch für alle anderen haben. Beispielsweise droht Krankheit oder  irgendeins seiner Teilsysteme wird verlassen (Scheidung von der/dem Partner/in; Vernachlässigung der Kinder, der Hobbies oder Wechsel des Arbeitsplatzes, etc.). Hier ist das Stichwort work-life balance zu nennen. Dies müsste viel mehr beachtet werden, denn es ergeben sich nicht nur Reibereien und Konflikte aus den beiden Lebensbereichen Beruf und Familie, sondern auch Bereicherungen. Dies klingt vermutlich für die meisten Wirtschaftler befremdlich, aber ich glaube ein wenig Unterstützung und Verständnis für die Gesamtsituation seiner Mitarbeiter erhöht deren commitment und Produktivität um ein Vielfaches dessen, was man dafür investieren muss.

Projekte von morgen brauchen selbstreflektierte klare Führungspersönlichkeiten, die es zulassen können, ihren Mitarbeitern echte work-life balance zu ermöglichen (nicht nur auf dem Papier, wie oft geschehen)...

  • Gibt es morgen überhaupt noch Projektmanagement?

Ich gehe davon aus, aber ich weiß das natürlich nicht. Aber da wir Menschen Gewohnheitstiere sind und PM ja nicht völlig verpönt ist, warum sollte sich der Begriff nicht halten... Ich glaube allerdings schon, dass sich der Inhalt bzw. die Umsetzung schleichend ändern wird. Es könnte sozusagen eine zweite Welle des PM entstehen, eine die neben dem reinen Faktenwissen die beteiligten Menschen mehr in den Fokus nimmt. Denn der Mensch ist kein Computer, den man mit Fakten füttert und der immer das gleiche Ergebnis produziert. Je nach eigenen Lebenserfahrungen, angesammeltem Wissen und auch Persönlichkeitsanteilen wird anders mit Anforderungen eines Projektes umgegangen. Das ist nicht absolut kontrollierbar wie bei einer Maschine und damit ist das Ergebnis eines Projektes auch am Anfang nicht vorhersehbar, aber das ist doch eigentlich auch das spannende und kreative daran, oder?

In Projekten arbeiten auch morgen noch Menschen. Und Menschen sind keine Maschinen. Und dem muss Rechnung getragen werden. Und das ist auch gut so.

Ich freu mich auf Dornbirn und bin gespannt auf die neuen Impulse.

Mit lieben Grüßen,

Melanie

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